Internationale Bildungsstätte Jugendhof Scheersberg - Zentrum für die kulturelle, soziale und politische Jugendbildung in Schleswig-Holstein

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JIK Schleswig-Holstein 2016

Wer ist eigentlich WIR?

Ein Ende kann ein Anfang sein oder „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“.

Die erste JIK im nördlichsten Bundesland Schleswig-Holstein wurde 2016 von zahlreichen Teilnehmenden mit Begeisterung aufgenommen. Sie kamen aus Dithmarschen, Nordfriesland, Flensburg, Kiel, Stormarn, Schleswig-Flensburg, Segeberg, Plön, Steinburg, Pinneberg und nahmen vergleichsweise weite Strecken für die Teilnahme an der JIK SH in Kauf.
Wer ist eigentlich WIR? Das war die Schwerpunkfrage zu den diesjährigen Themen Identität und Vielfalt. Eine eindeutige Antwort konnte zumindest auf diese Frage nicht gefunden werden, da sich das WIR aus so vielen unterschiedlichen Menschen, ihren Lebenswelten und Ideen zusammensetzt. Da fiel es den Teilnehmenden leichter, auf folgende Frage zu antworten: Wer bin ich und wie kann ich zu einem WIR-Gefühl beitragen?
An zwei Veranstaltungswochenenden im Februar beschäftigten sich die Teilnehmenden mit Diskriminierungs-mechanismen, mit Vorurteilen gegenüber Minderheiten, mit der Auseinandersetzung verschiedener Sichtweisen.

Das Vorbereitungswochenende

Das zweitägige Vorbereitungswochenende eröffnete Ministerin Anke Spoorendonk und gab den jungen Teilnehmenden in ihrem Grußwort den Tipp mit auf den Weg, miteinander zu reden anstatt übereinander. Das Anliegen der JIK ist genau dieses: Jungen Menschen einen Raum für den Austausch zu bieten. Das Vorbereitungswochenende vermittelte den Teilnehmenden mit spannenden Gästen ein Hintergrundwissen. Florian Remien, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Orientalistik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, leitete mit einem Impulsvortrag zu „Islam und Muslime in Deutschland“ ein. Nicht nur für die nichtmuslimischen Teilnehmenden bot dieser Vortrag viele Erkenntnisse.
Dorina Kalkum stellte dann die Länderstudie „Schleswig-Holstein postmigrantisch“ der Forschungsgruppe JUNITED der Humboldt-Universität zu Berlin vor, die sich mit Einstellungen der Bevölkerung zu Muslim_innen beschäftigt (Hier geht es zur Studie).
Verschiedene Übungen zur interkulturellen Sensibilisierung regten zu Diskussionen unter den JIK-Mitgliedern an. Bei der Podiumsdiskussion „Wer ist eigentlich WIR? Wahrnehmung und Debatten um Identität und Vielfalt in Schleswig-Holstein“ moderierte Kurt Edler, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik, das Gespräch zwischen Tobias Meilicke (Landeskoordinator PROvention), Shazia Noor Chaudhry (freie Referentin und Bloggerin), Ibrahim Yazici (SCHURA SH, Kultur- und Sozialanthropologe) und Dr. Daniela Heitzmann (CAU Kiel, Soziologin Gender & Diversity). Heiß wurde die Diskussion beim Thema Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten. Zwingend notwendig sei ein beidseitig offener Umgang untereinander, so dass ein Miteinander entstehen könne, sagte Chaudhry. Dafür sei Begegnung schon im Kindes- und Jugendalter das A & O. Auch die Begrifflichkeiten Minderheitenpolitik und Interessenpolitik standen zur Disposition. Dabei ginge es um Anerkennung, um Rechte aber auch Pflichten, so Yazici. Man dürfe nicht alles in einen Topf werfen. Probleme im Ausland wirkten sich negativ auf das Bild von Muslimen in Deutschland aus. Vorurteile seien diffus, der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten sei nicht immer klar, sagte Daniela Heitzmann. Auch Tobias Meilicke greift in dieselbe Kerbe, als er sagte, in Deutschland hätten wir derzeit in der öffentlichen Wahrnehmung ein WIR, welches den Muslimen entgegen-gesetzt sei. Deutlich wurde jedoch auch mehrheitlich erklärt, dass es DEN Muslim oder DIE Muslimin nicht gebe. Auch hier gebe es eine unterschiedliche Ausprägung des religiösen und sozialen Lebens bis hin zu unterschiedlichen Organisations-strukturen. Allen Podiumsgästen gemein war der Gedanke, dass ein WIR nur durch Begegnung und Dialog entstehen könne.
Die Vorsitzende des Forums für Migrantinnen und Migranten der Landeshauptstadt Kiel, Dursiye Aytekin, stellte den Teilnehmenden der JIK Schleswig-Holstein zum Abschluss des Vorbereitungsseminars vor, wie Dialog vor Ort gelingen könne. Das monatlich im Kieler Rathaus begangene Forum stellt ein Beispiel dar, in dem der  Austausch zwischen Migrant_innen, deren Organisationen, Kommunalpolitik und Öffentlichkeit gelebt wird. Ein wichtiger Bestandteil des Forums sei es aber auch, informelle Treffen und Events zu veranstalten, bei denen tagespolitische Themen in den Hintergrund, jedoch Spaß und Miteinander im Vordergrund stünden.

 Das Planspiel

Das zweite JIK-Wochenende wurde durch das Planspiel „Eine Verfassung für Fontanien“ eingeleitet. Oberbürgermeister Dr. Ulf Kämpfer begrüßte die JIK-Mitglieder in den ehrwürdigen Hallen des Kieler Rathauses. Es wurde nicht viel Zeit mit großen Reden verbracht, denn die Teilnehmenden selbst sollten sich in Argumentation und Interessenvertretung üben. Dabei nahmen sie auch mal Rollen ein, die sie in ihrem echten Leben nicht vertreten. In diesem Szenario sind Kontroversität und Multiperspektivität unmittelbar erfahrbar. Vertreter der diversen Parteien, religiöser Institutionen/Organisationen und Minderheitenbündnisse kamen am runden Tisch zusammen und arbeiteten an Konzepten und Vorhaben der Minderheitenrechte und Gleichbehandlung, an religiösen Rechten, Pflichten und dem Erziehungswesen. Da kann es in den Verhandlungen auch mal laut werden, denn in einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft steht man der Aufgabe gegenüber, die eigenen Interessen in Einklang mit den Interessen anderer zu bringen. Kompromissfähigkeit ist ein hehres Ziel, bei der die dominante Position stets herausgefordert wird. Niemand gebe gern Privilegien ab, sagte Dr. Daniela Heitzmann in der Podiumsdiskussion am vorangegangenen Vorbereitungswochenende. Die JIK-Teilnehmenden nahmen die Erkenntnis aus diesem politischen Planspiel mit, dass Interessenvertretung und Demokratie kein einfaches Unterfangen ist. Um allen Gruppierungen das Recht auf Gleichbehandlung einzuräumen, ist es jedoch von enormer Wichtigkeit, diese Diskussionsprozesse nicht nur auszuhalten, sondern vielmehr auch zu schützen.

Im Anschluss an das Planspiel nahm sich Ministerpräsident und Schirmherr der JIK SH Torsten Albig die Zeit, um mit den Teilnehmenden ins Gespräch zu kommen. Die JIK-Teilnehmerinnen Cansu und Lina führten professionell durch das Gespräch. Es ging um Heimat, um Zugehörigkeit, um Schleswig-Holstein, aber vor allem um Möglichkeiten der Partizipation. Auf die Frage, ob die Stimme der Jugend in der Politik überhaupt gehört werde, hatte der Ministerpräsident die einfache, aber auch herausfordernde Antwort: „Sie werden gehört, wenn Sie laut genug reden. Sie werden gehört, wenn Sie selbstbewusst sind… Ich erwarte von Ihnen, dass ich gar nicht anders kann, als Ihnen zuzuhören. Der Diskurs in dem wir uns befinden, verlangt selbstbewusstes Auftreten…“. Sichtlich irritiert und nicht kritikfrei wurde diese Aussage von manch Teilnehmenden und Teilnehmender aufgenommen. Dennoch hat sie etwas in ihnen ausgelöst und sie darin bestärkt, sich für die eigenen Interessen und auch für die Interessen anderer einzusetzen; gerade auch für diejenigen, denen die Mittel fehlen, einfach mal laut zu sein.

Das Dialogforum

Direkt aus dem Kieler Rathaus fuhren die Konferenzteilnehmenden in den Norden Schleswig-Holsteins. Unweit der Grenze zu Dänemark liegt die Internationale Bildungsstätte Jugendhof Scheersberg. Abseits aller urbanen Einflüsse, ein Ort der Ruhe und der freien Entfaltung. Hier begingen die Teilnehmenden das Dialogforum. Das Dialogforum ist in der Art konzipiert, dass die Teilnehmenden die gewonnenen Erkenntnisse aus Vorbereitung und Planspiel zu eigenen Ideen und Planungen verarbeiten. In Kleingruppen recherchierten sie genauer, was es denn mit der Anerkennung als Religionsgemeinschaft auf sich habe, was ein Staatsvertrag wie in Hamburg, Bremen oder Niedersachsen für Regelungen mit sich bringe. Was ist strukturelle Diskriminierung? Was ist positive Diskriminierung? Wie ist der Umgang mit dem Islam innerhalb der Medien? Wie schafft man Begegnung? Wie baut man Ängste und Vorurteile gegenüber Muslimen oder dem Islam ab? Wie erreicht man eine breite Teilhabe? Ihre Ergebnisse präsentierten die Konferenzteilnehmenden am Ende als Talk Show, als Foto Show und als Vortrag.
In einer gemeinsamen kleinen medialen Offensive verbreiteten sie visuelle Beiträge in den sozialen Medien mit dem Hashtag #haltungstattherkunft und, wie Ministerin Anke Spoorendonk bei der Eröffnungsrede sagte, #miteinanderstattübereinander.

Die Teilnehmenden sind aktiviert und darüber hinaus willens, auch nach der Konferenz Engagement zu beweisen und gegen Diskriminierung und Vorurteile, für Demokratie, für soziale und rechtliche Gleichbehandlung, für Vielfalt und Freiheit einzutreten.

Auch wenn die Konferenz nur 5 Tage dauerte, so ist es nicht das Ende. Die nächste JIK Schleswig-Holstein startet erneut im Frühjahr 2017.

Unser Dank

Das Team der JIK und Kooperationspartner bedankt sich ganz herzlich für die tatkräftige Unterstützung diverser Menschen und Institutionen, die zum Gelingen unserer ersten JIK in Schleswig-Holstein beigetragen haben: Landtagspräsident Klaus Schlie und den fleißigen Mitarbeitern des schleswig-holsteinischen Landtages; der Staatskanzlei des Landes Schleswig-Holstein; Oberbürgermeister Dr. Ulf Kämpfer und der Leiterin des Pressereferats Annette Wiese-Krukowska & Team (Landeshaupstadt Kiel), Florian Remien (CAU Kiel); Dorina Kalkum (HU Berlin); Kurt Edler (DeGeDe), Tobias Meilicke (PROvention), Ibrahim Yazici (SCHURA SH), Dr. Daniela Heitzmann (CAU Kiel), Shazia Noor Chaudhry (freie Referentin). Wir danken auch allen Vereinen, Verbänden, Jugendorganisationen, Schulen, Gemeinden und Behörden, die die JIK SH in ihrem ersten Jahr bekannter gemacht haben. Nicht zuletzt aber auch den großartigen Teilnehmenden, die sich enorm für unser aller Gegenwart und Zukunft engagieren. Vielen Dank!

Was passiert zwischen den Konferenzen?

Die Planungen laufen auf Hochtouren. Nicht nur die nächste Länderkonferenz will geplant werden, auch dazwischen möchten wir natürlich das JIK-Netzwerk weiter ausbauen. Welche neuen Ideen haben wir für Mikroprojekte? Wie können wir weiter an den Themen arbeiten, die uns interessieren? Wie können wir uns engagieren und auch andere daran teilhaben lassen?

Wir möchten zeitnah ein regelmäßiges Austauschtreffen ermöglichen. Die Termine teilen wir den JIK-Mitgliedern, sobald es losgeht, mit.

Wer außerdem noch Interesse an diesen Treffen und der nächsten JIK in Schleswig-Holstein hat, schreibt am besten eine kurze E-Mail an den Projektkoordinator Malte Morische.